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Kawamatas urbanes Sanatorium am Basler Rheinufer

 

Wie in den Vorjahren lancierten die Veranstalter des Kongresses SUN21 über eine nachhaltige Energiezukunft einen Wettbewerb für temporäre künstlerische Interventionen im Stadtraum. Gefragt war die künstlerische Auseinandersetzung mit der nachhaltigen Nutzung von Energie, „um Signale für absehbare Entwicklungen im 21. Jahrhundert zu setzen.“

 

Dabei ist auch der 1943 geborenene, von Biennalen und documenta wohl bekannte Japaner Tadashi Kawamata eingeladen, ein Projekt im öffentlichen Raum zu entwickeln. Sein Vorschlag heisst “wooden terrace beach“: Als temporäre Installation wird in den Sommermonaten am Rhein über dem bestehenden Uferweg vor der Theodorsanlage eine Terrasse errichtet und den Besuchern zur Benutzung frei gegeben. Die Terrasse baut auf die Qualitäten des Ortes – liegt vor der beliebten Promenierstrecke auf der besonnten Seite des Wassers und lädt zum Sonnenbaden. Sie soll sich (so sich das finanzieren lässt) 140 Meter flussaufwärts dehnen. Die Struktur aus geliehenen Holzplanken und rezyklierten Balken erinnert an ein gestrandetes Floss, das oberhalb der Wettsteinbrücke kurz festhakt. Der Künstler setzt den Steg unter den schattigen Brückenpfeilern an, wo die Uferpromenade sich unterbricht und auch eine öffentliche Toilette Platz findet. Er bietet den genussreichen Ausblick übers Wasser, heilt dabei aber auch wie nebenbei den Bruch der Wegführung entlang des Flusses.

 

Die Nutzung der „wooden terrace beach“ liegt ganz bei den Basler Bürger/innen und ihren Besuchern. Es sind bewusst keine Veranstaltungen geplant. So formuliert sich das Angebot zum Innehalten, zu Rast und Musse in der leistungsorientierten Freizeitgesellschaft. Kawamata nennt die Installation auch ein „urban sanatorium“ – und inspirierte sich an den Sonnenbalkonen alpiner Gaststätten.

 

Holz ist dabei auch in kühleren Tagen sitzfreundlicher als der Beton der Uferböschungen, über deren Renaturalisierung in Basel zur Zeit verhandelt wird. Die temporäre Intervention wird zugleich Testfall für eine hier geplante „Beach“, eine künstlich aufgeschüttete Kiesbank. Intuitiv stiess der auswärtige Künstler auf eine Lücke im Stadtgefüge, wo sich bereits die Wünsche der „Werkstatt Basel“ kristallisierten, einem aufwändigen partizipatorischen Projekt der Stadtregierung zur Steigerung urbaner Wohnqualität. Für Kawamata selbst ist die Vernehmlassung zur Umsetzung seiner Vorschläge mit Bauleuten, Beamten und Anwohnerschaft konstitutiv Teil der künstlerischen Konzeption. Hier werden unterschiedliche Werte und Prioritäten im öffentlichen Raum verhandelt, die gängigen Kategorien durch die zeitliche Befristung und den Kontext „Kunst“ ein Stück weit in Bewegung versetzt. Entsteht in der räumlichen Erweiterung des Bestehenden nun ein privates Grundstück oder neue Allmend? Ist das Stadtmöblierung, Städtebau oder Kunst?

 

Dimensionen und Formensprache des mit hölzernen Planken und Akkubohrer wie nur skizzierten Steges wirken generös, doch bleibt die Geste zugleich bescheiden: ein Künstler folgt seinem selbstgewähltem Dienstleistungsauftrag. Nahtlos fügen sich die Bedürfnisse der sonnenfaulen Passanten und auch die Anliegen der Auftraggeber zum Ganzen, welche die Diskussion über erneuerbare Energien fördern und die Veranstaltung der SUN21 vermehrt ins Stadtbild tragen wollen. Kawamatas eigenartiges Gebilde steht dabei zwischen der Dienstbarkeit eines Gegenstandes und der Autonomie des modernen Kunstwerkes. Seine Werke sind Orte, wo sich Bezüge nach aussen und innen bündeln und dank der offenen Situation gedanklich verschieden verbinden lassen. Aus dieser vom Betrachter zu realisierenden Kombinatorik entsteht ein weit gefächerter Sinnhorizont. Er verwandelt Kawamatas Strukturen unsichtbar in Kunst. Ihre Funktionalität ist damit Teil eines umfassenden Sinnentwurfs. Die Dinge treten aus der üblichen Engführung ihrer Zweckbestimmung heraus ins Leben. Die Benutzenden sind nun auch Betrachtende und können – so das Angebot des Künstlers – nachdenken über sich und ihre Umwelt. Das gilt ähnlich auch für andere in der Schweiz realisierte Projekte Kawamatas: die hölzerne Kopie des Frauenbads vor dem Helmhaus (1993), das Zuger „work in progress“ entlang der Seepromenade (1996-1999) und den jüngst aus Anlass der Expo in Neuenburg realisierten „observation balcony“.

(Artikel in „Werk, Bau und Wohnen“)

Concept-Booklet.pdf

 

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